Der Elefant im Raum
Eigentlich könnte ich hier nun wie viele andere Autoren auf das Ausbleiben bahnbrechender Umwälzungen in der Wirtschaft durch KI eingehen. Ich könnte darüber schreiben, wie viele Unternehmen sich entweder selbst ein Bein stellen oder von mangelnder Digitalisierung direkt in die KI-Ära springen wollen, ohne die Grundlagen zu beherrschen. Das wird ein eigener Artikel – es gibt so viel dazu zu sagen.
Aber heute geht es um den wirklichen Elefanten im Raum, über den zu wenige sprechen: Niemand schlägt den deutschen Staat, wenn es darum geht, den KI-Boom in Europa – und vor allem in Deutschland – systematisch abzuwürgen.
Und zwar durch das, was deutsche Politik am besten kann: Regulierung als Reflex, Bedenkenträgerei als Staatsräson, und die unerschütterliche Überzeugung, dass Bürokratie Innovation schützt statt erstickt.
Während Silicon Valley und Shenzhen KI-Systeme in Rekordtempo auf den Markt bringen, diskutieren wir in Berlin über Ethik-Beiräte, One-Stop-Shops für Beschwerden und die Frage, ob nicht jede Bewerbermanagement-Software als „Hochrisiko“ eingestuft werden sollte.
Das Ergebnis? 12 Prozent. So viele deutsche Unternehmen nutzen KI produktiv. Zwölf. In den USA und China sind es ein Vielfaches.
Willkommen in der Regulierungsrepublik Deutschland.
Europa bremst – Die Zahlen sprechen Bände
Schauen wir uns die Fakten an. Die Europäische Union hat mit dem AI Act das weltweit erste umfassende Regelwerk für Künstliche Intelligenz geschaffen. Ein Meilenstein, heißt es aus Brüssel. Ein Leuchtturm für die Welt.
Die Realität sieht anders aus.
100 Tech-Gesetze. 270 Regulierungsbehörden. Das ist das regulatorische Umfeld, in dem europäische Unternehmen KI-Produkte entwickeln und einführen sollen. Meta beschreibt es drastisch: Bei jedem neuen KI-Produkt müsse man einen „aufwendigen Abstimmungsprozess mit unzähligen Aufsichtsbehörden“ durchlaufen. Während in den USA ein Produkt in Wochen live geht, dauert es in Europa Monate – wenn es überhaupt kommt.
Die Konsequenzen sind messbar und schmerzhaft:
Apple verzögert KI-Features in der EU. Funktionen, die amerikanische iPhone-Nutzer längst haben, bleiben europäischen Kunden verwehrt. Der offizielle Grund: Unsicherheit über die Vereinbarkeit mit EU-Vorgaben, insbesondere dem Digital Markets Act und Datenschutzregeln.
Meta hält sein leistungsstarkes Sprachmodell LLaMA in Europa zurück. Der KI-Assistent Meta AI fehlt in Deutschland komplett – keine Integration in Ray-Ban-Brillen, kein vollständiger Funktionsumfang. Metas Begründung: Das Regulierungswirrwarr mit über 100 einschlägigen Gesetzen und hunderten Zuständigkeiten macht neue KI-Funktionen „schwer kalkulierbar“.
Google Bard startete weltweit im Juni 2023 – nur nicht in der EU. Europäische Nutzer mussten wochenlang warten, bis die irische Datenschutzbehörde grünes Licht gab. Während der Rest der Welt mit dem ChatGPT-Konkurrenten experimentierte, wartete Europa auf Compliance-Prüfungen.
ChatGPT wurde im März 2023 in Italien komplett blockiert. Die erste westliche Demokratie, die einen populären KI-Dienst offline nahm. OpenAI musste nachbessern: Datenschutzinformationen auf Italienisch, Löschoptionen für Nutzerdaten, Altersverifikation. Erst dann durfte der Dienst weiterlaufen.
OpenAI selbst drohte Mitte 2023 mit einem kompletten Rückzug aus Europa. CEO Sam Altman bezeichnete die geplanten Regeln als „nicht praktikabel“. Man würde eher den EU-Markt verlassen, als alle Auflagen um jeden Preis umzusetzen. Zwar ruderte das Unternehmen später zurück – aber die Botschaft war angekommen: Europa ist ein Risiko-Markt.
Europa wollte Vorreiter sein. Stattdessen ist es zum Bremsklotz geworden.
Deutschland trägt die Hauptlast – aber nicht allein die Entscheidung
Die EU-Regulierung trifft nicht alle Mitgliedsstaaten gleich. Im EU-Rat haben kleinere Länder wie Malta oder Zypern durchaus Stimmgewicht – aber kaum eigene Tech-Industrie, die unter den neuen Auflagen leiden würde.
Deutschland dagegen hat SAP, Siemens, Bosch und einen Mittelstand, der in Dutzenden Nischen Weltmarktführer ist. Tausende Unternehmen müssen KI-Systeme dokumentieren, prüfen lassen, Compliance nachweisen. Das kostet Geld, Zeit und Ressourcen.
Für Malta und Zypern? Kaum relevant. Sie haben keine nennenswerte Tech-Industrie, die durch den AI Act belastet wird. Doch sie entscheiden mit – über Regulierungen, die primär deutsche Unternehmen treffen.
Das Ergebnis: Regeln werden gemeinsam beschlossen, die wirtschaftlichen Folgen sind aber asymmetrisch verteilt.
Die politische Realität: Alle Parteien überbieten sich
Doch Europa allein ist nicht das Problem. Deutschland nutzt die im AI Act gelassenen Spielräume konsequent – um die Regulierung weiter zu verschärfen. Und dabei ist es egal, welche Partei gerade regiert.
Die Union, aktuell in der Regierung, zeigt durch ihren Kulturminister Wolfram Weimer die Richtung: Auf der Frankfurter Buchmesse 2025 sprach er von „geistigem Vampirismus“ und „digitalem Kolonialismus“ durch US- und chinesische Tech-Konzerne. Seine Forderung: Ein „wirkungsvoller Urheberrechtsschutz“ und ein „Plattform-Soli“ – eine Art Solidaritätsabgabe für digitale Plattformen. Die Union rahmt KI nicht als wirtschaftliche Chance, sondern als kulturpolitischen Kampf gegen ausländische Mächte.
Die SPD fordert, dass alle KI-Systeme im Arbeits- und Sozialbereich automatisch als Hochrisiko eingestuft werden. Personalverwaltung, Bewerberauswahl, Leistungsbewertung – alles unterliegt dann den strengsten Auflagen des AI Act. Jede KI-Entscheidung muss nachvollziehbar und anfechtbar sein. Zusätzlich soll ein Verbandsklagerecht eingeführt werden, das Verbraucherschutzverbänden ermöglicht, gegen KI-Systeme vorzugehen.
Die Grünen sehen keinen Widerspruch zwischen Regulierung und Innovation. Im Gegenteil: Ein klarer gesetzlicher Rahmen schaffe erst die Rechtssicherheit und das gesellschaftliche Vertrauen, die für eine breite Akzeptanz von KI notwendig seien. Forderungen nach Deregulierung werden als „anachronistisch“ zurückgewiesen.
Die Linke geht noch weiter: Der AI Act sei „vollkommen inakzeptabel“ und voller Schlupflöcher für Tech-Konzerne. Die Partei fordert eine deutlich strengere Regulierung, die die Macht der Konzerne begrenzt.
Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) fordert eine zentrale Anlaufstelle für Beschwerden – einen „One-Stop-Shop“ – sowie einen unabhängigen KI-Beirat mit Vertretern aus Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Verbraucherschutz.
Was bedeutet das konkret? Jedes HR-Tool wird zur Compliance-Falle. Jede Leistungsbewertung muss dokumentiert und anfechtbar sein. Neue Behörden entstehen. Beiräte werden geschaffen.
Das Ergebnis: Egal welche Regierung – deutsche Unternehmen zahlen die Zeche.
Die Folgen: Innovation als Compliance-Problem
Das Problem ist nicht Abwanderung. Das Problem ist Stillstand. Deutschland gründet nicht mehr.
Dass nur 12 Prozent der deutschen Unternehmen KI produktiv nutzen, ist kein Zeichen von Vorsicht. Es ist ein Zeichen von Ignoranz. Aber man muss heute ignorant sein, um in Deutschland noch KI einzusetzen. Niemand hat den Überblick über hunderte Regelungen, Behörden, Zuständigkeiten.
Die Frage ist nicht mehr: Ist die Idee innovativ? Die Frage ist: Wie setzt man sie gesetzeskonform um – und welche Einschränkungen muss man dafür in Kauf nehmen?
Deutschland feiert seine wenigen Erfolge – DeepL als eines der raren KI-Unicorns, dazu die alte Garde wie SAP und Zalando, die KI nachträglich integrieren müssen. Doch der Blick auf die wenigen Champions verschleiert die Realität darunter: Der Unterbau, der deutsche Mittelstand, stagniert bestenfalls. Während in den USA und China jeden Monat Dutzende KI-Startups gegründet werden, herrscht in Deutschland Lähmung.
Wer heute eine KI-basierte HR-Software entwickeln will, muss erst prüfen: Hochrisiko? Welche Dokumentation? Welche Behörde zuständig? Verbandsklagerisiko? Das ist kein Klima für Innovation. Das ist ein Klima für Anwälte.
Und während Deutschland noch berät, welcher Beirat den One-Stop-Shop beaufsichtigen soll, haben amerikanische und chinesische Konkurrenten längst das nächste Modell trainiert, das nächste Produkt gelauncht, den nächsten Markt erobert.
Deutschland wird nicht abgehängt, weil es zu langsam läuft. Es wird abgehängt, weil es stehengeblieben ist – gefesselt von der eigenen Regulierungswut.
Fazit: Pragmatismus statt Regulierungswahn
Jammern schafft keinen Umsatz. Und als Unternehmer ist man ignorant genug, nicht das Handtuch zu werfen – selbst wenn der Staat einem Steine in den Weg legt.
Die Optionen sind da: KI dort einsetzen, wo es möglich und erlaubt ist. Pragmatisch. Schnell. Ohne auf den nächsten Beirat zu warten.
Aber dafür braucht es Menschen, die wissen, was sie tun. Entwickler, die nicht nur Code schreiben, sondern verstehen, wie man trotz Regulierung liefert. Teams, die Erfahrung haben – nicht nur mit der Technologie, sondern mit dem europäischen Wahnsinn drumherum.
Wir bei mcpk. bauen solche Teams. Nicht in Deutschland, wo Compliance-Kosten Innovation ersticken. Sondern in Polen, Rumänien, der Ukraine – Nearshore, pragmatisch, professionell.
Während Deutschland reguliert, liefern wir.